Open Source ERP-Systeme: Dolibarr

Unser erstes Testsystem findet man im deutschsprachigen Raum seltener. So gibt es keinen deutschsprachigen Wikipedia-Artikel dazu. Die von uns angesehene Version ist 3.8.1 auf Linux Mint mit MySQL-Backend.

Bitte beachten Sie, dass dieser Artikel keine Rechts- oder Steuerberatung darstellt – wir sind Softwareentwickler und schildern nur unsere Erfahrungen, Eindrücke und Meinungen. Wenn Sie einen Fehler finden oder etwas unklar ist, so nehmen Sie gern Kontakt mit uns auf.

Geschichte der Software

Laut englischer Wikipedia begannen die Arbeiten an Dolibarr in 2002, einen ersten Release gab es 2003. Das System scheint eine komplette Eigenentwicklung zu sein, d.h. uns ist nicht bekannt, dass die Codebasis mit einem anderen System geteilt wird. Ebenso kennen wir keine Forks von Dolibarr.

Technische Informationen

  • PHP 5.3.0+
  • MySQL 4.1+ (unterstützt: Postgres 8.1.4+, MariaDB 4.1+)

weitere Informationen: Prerequisites im Dolibarr-Wiki

Es gibt Installationspakete für Linux und Windows, sowie Anleitungen für eine manuelle Installation. Bei uns war die Installation des Pakets unter Linux unauffällig und benötigte keine Fachkenntnisse.

Funktionen

Dolibarr bietet die gängigen Funktionen eines ERP-Systems, also Einkauf, Verkauf (inkl. gängiger Dokumentarten), Lagerverwaltung, Verwaltung von Bankkonten. Eine Buchhaltung fehlt (ist aber in Arbeit), allerdings sind sehr vielfältige Exportmöglichkeiten gegeben, wodurch die Zusammenarbeit mit einem Steuerberater evtl. automatisiert werden kann.

Die CRM-Funktionen sind etwas limitiert, da z.B. kein Mailclient integriert ist, also somit alle Aktivitäten manuell erfasst werden müssten.

Verwaltung von Produktionsaufträgen ist im Standard nicht möglich, wobei es hierfür Erweiterungen gibt.

Sehr limitierend empfanden wir, dass Dolibarr nur eine Währung unterstützt. Wenn man also ein- oder ausgehende Rechnungen in Fremdwährungen erfassen will, dann muss man entweder auf Erweiterungen zurückgreifen, oder selbst Hand anlegen. Ebenso ist Dolibarr auf einen Mandanten festgelegt – wer mehrere Mandanten benötigt, der muss mehrere Instanzen installieren (was auf einem Server / PC möglich ist).

Etwas gewöhnungsbedürftig fanden wir die Art, wie Steuern gehandhabt werden. Diese sind nicht, wie bei anderen Systemen, namentlich auswählbar, sondern es lässt sich für jede Steuerart der Satz auswählen. Dabei kann das System bis zu 3 Steuerarten verwalten.

Dolibarr kennt zwar Mengen, allerdings keine Mengeneinheiten. Für eine adäquate Rechnungsstellung sollte diese daher in den Artikel / die Artikelbeschreibung integriert werden.

Grafische Oberfläche / Bedienbarkeit

Die Standardoberfläche ist recht ansprechend (siehe Screenshot). Insbesondere das einstellbare Dashboard hinterließ einen positiven Eindruck. In den Menüs ist teilweise nicht sofort erkennbar, ob Unterpunkte existieren – diese erscheinen erst, wenn man den entsprechenden Menüpunkt angeklickt hat.

dolibarr01

Die Arbeitsschritte mit Dolibarr sind weitestgehend selbsterklärend und es fiel uns leicht, Ein- und Verkäufe anzulegen. Die Erzeugung von Dokumenten als PDF funktionierte problemlos, wobei wir der Meinung sind, dass die erzeugten Rechnungen nicht alle nötigen Angaben enthalten und angepasst werden sollten (Bruttobetrag je Zeile fehlt).

Die deutsche Übersetzung hat dabei Ihre Tücken – erst durch Umstellung auf englisch fiel uns auf, dass z.B. „ähnliche Rechnungen“ unglücklich übersetzt ist und eher „zugehörige Rechnungen“ heißen sollte.

Erweiterbarkeit

Es sind über den sogenannten Dolistore zahlreiche Erweiterungen verfügbar, teilweise kostenlos, teilweise allerdings auch kostenpflichtig.

Eigene Module lassen sich problemlos erstellen und einbinden. Es gibt eine Vorlage für eigene Module und einen (englischen) Wiki-Eintrag, der in das Thema einführt. Wie erwähnt ist Dolibarr in PHP geschrieben (objektorientiert), wodurch sich jemand mit vorhandenen Kenntnissen wohl recht schnell einarbeiten kann. Eigene Module können sich dabei in bestehende Standardmodule einhängen (Stichwort Hooks) und deren Funktion teilweise oder ganz ersetzen.

An den Sourcen und Datenbanktabellen kann man die französischen Wurzeln der Software erkennen (z.B. „societe“ oder „stock_mouvement“), allerdings stellte uns dies nie vor unlösbare Aufgaben.

Schnittstellen

Schnittstellen gibt es einerseits über separate Module, andererseits halbautomatisch über zahlreiche verschiedene Daten-Im- und Exporte. Diese sind sehr flexibel konfigurierbar.

dolibarr_exports

dolibarr_exports_2

Support

Über die Community kann im Forum versucht werden, Anworten auf Fragen und Probleme zu bekommen.

Es gibt zahlreiche kommerzielle Anbieter, wieder insbesondere im französischen Raum. Aus Deutschland bleiben immerhin noch 2 professionelle Anbieter.

Fazit

Insbesondere durch die mangelnde Unterstützung für Fremdwährungen positioniert sich Dolibarr selbst schon eindeutig im KMU-Bereich (mit Tendenz zu K 😉 ). Wer aber für ein kleines Unternehmen, das nur in z.B. Euro handelt, eine Software sucht, der könnte mit Dolibarr durchaus glücklich werden. Unserer Meinung nach ist die fehlende Buchhaltung dabei Fluch und Segen zugleich, denn wer nicht viel Fachwissen in diesem Bereich hat und sowieso mit einem Steuerberater arbeitet, der bekommt eine Software, die auch ohne ausgiebiges Handbuchstudium bedienbar ist.

Interessant bleibt, ob in Zukunft möglicherweise die Mehrwährungsfähigkeit kommt (Teile der Community warten sehnsüchtig darauf, es gibt Forenposts zu dem Thema von 2009) und wie die volle Buchhaltung integriert wird – hoffentlich kann Dolibarr seine Einfachheit erhalten.

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